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Mehr als ein Bein?

31.08.14 SPORT

Mehr als ein Bein?

Eigentlich denkt man, Mensch, eine Sensation! Da kommt ein junger Kerl wie Markus Rehm und springt bei der Deutschen Meisterschaft 8,24 Meter weit – und das mit nur einem gesunden Bein und einer Unterschenkel-Prothese.

Von Susanne Leinemann

Ein Behindertenspitzensportler schlägt in Ulm die gewöhnlichen deutschen Spitzensportler. Doch zur Europameisterschaft darf er nicht fahren, weil eilige Messungen ergeben, ausgerechnet seine Prothese habe ihm Vorteile gebracht. Markus Rehm trägt es gefasst, akzeptiert die Entscheidung und geht nicht vor Gericht. Und nun tritt er wieder an gegen die Weltspitze im Weitsprung. Heute beim ISTAF (Internationales Stadionfest) wird Markus Rehm im Olympiastadion gegen den amtierenden deutschen Meister Christian Reif springen - der sprang in Ulm nur 8,20 Meter.

Eine Prothese als Vorteil? Ein Mensch, dem ein Körperteil fehlt, scheint plötzlich über eine Art mechanisches Doping zu verfügen. Es heißt, die Prothese von Markus Rehm wirke wie eine Sprungfeder. Es kommen einem kindliche Comic-Bilder in den Sinn, von Menschen mit Matratzenfedern unter den Füßen. Boing, hüpf, boing.

Es muss eine Revolution gegeben haben in der Prothesenwelt, deren Ergebnisse wir jetzt sehen. Offenbar springt es sich dank Karbon-Verlängerung an den Beinen nun weiter, höher, schneller. Fahren wir doch mal dorthin, wo die Berliner Leistungssportler mit Behinderungen täglich trainieren: zum Sportforum nach Hohenschönhausen. Dort ist der Leistungssport schon lange zuhause – ob mit oder ohne Behinderung.

Ali Lacin trainiert hier als Sprinter, er ist auf dem Sprung in den Leistungskader. Sein Ziel: "Rio 2016" – die Paralympischen Spiele. 100 oder 200 Meter will er rennen. Aber bis dahin muss er seine Zeit noch um mindestens eine Sekunde verbessern. Eine Sekunde – im klassischen Leistungssport ist das eine halbe Ewigkeit. Aber im Behindertenspitzensport ticken die Uhren anders, weil die Probleme andere sind. Ali Lacin fehlen beide Unterschenkel und die Knie. Das war schon als Kind so, eine natürliche Fehlbildung. Deshalb amputierte man früh. Ali Lacin ist immer gelaufen, hat schon als Kind kaum im Rollstuhl gesessen. Trotzdem waren die Sportprothesen für ihn etwas ganz Neues.

"Du musst erst mal laufen lernen", hat ihm Ralf Otto, selbst Leichtathletik-Trainer, promovierter Biomechaniker und inzwischen Präsident des Paralympischen Sport Clubs (PSC), 2012 gesagt, als Ali Lacin sich bei ihm vorstellte. Laufen lernen. Das meinte er wörtlich. Eine Sportprothese zu beherrschen, das wird schnell klar, wenn man Ali Lacin beim Rennen zuschaut, ist eine Herausforderung. Es braucht viel Training, aber auch Talent.

Er hatte nie zuvor eine Sportprothese für Läufer getragen, bei der nicht der ganze Fuß, sondern nur die Spitze aufkommt. Lacin schraubt sich auf der Tartanbahn vorne Spikes an, damit die Prothesen besser greifen. Die erste Sportprothese überließ ihm Vanessa Low, sein Vorbild. Eine sehr erfolgreiche junge Läuferin, der seit einem Unfall am Bahnübergang beide Beine fehlen. Denn solche Prothesen sind sehr teuer, 30.000 Euro pro Stück. Die Krankenkasse zahlt nichts dazu. Also war die Spende von Venassa Low ein großes Glück. Ali Lacin konnte sich ausprobieren. Aber auch ein Problem, denn eine Läuferin wie Low ist viel leichter als Ali Lacin.

Die Karbonfedern am Ende ihrer Prothese waren viel zu weich für ihn, er hatte keinen richtigen Halt. Ali Lacin versuchte mit dem Körper auszugleichen, stolperte und brach sich prompt das Schlüsselbein. Enthusiastisch losgesprintet und gleich wieder raus. Das Training fiel für Monate aus. Nun hat er neue Sportprothesen, eigene, an ihn angepasste.

"Wir machen Fehler", sagt sein Trainer Bernd Scheermesser. Auch für ihn ist vieles neu im Behindertensport. Der 71-Jährige ist ein Sportforum-Urgestein – wobei das Wort "Urgestein" ihm Unrecht tut, denn der Mann sieht wirklich fit aus. Er war schon zu DDR-Zeiten Sprint- und Sprungtrainer. Sein Weg ging vom sozialistischen zum wiedervereinigten Spitzensport und schließlich zum Behindertenspitzensport. Er kommt einfach nicht weg von der Tartanbahn. Wie jeder echte Trainer ist er anspruchsvoll. Das größte Problem von Ali Lacin? "Seine Ungeduld. Und die Arme."

Ali Lacin musste lernen, die Arme rhythmisch im Lauftakt mitzunehmen, eng am Körper und nicht breit schlenkernd, um einen möglichen Sturz abzufedern. Die Kurven der Rennbahn sind auch ein großes Problem, geradeaus laufen ist leichter mit Prothesen. In den Kurven gehen Ali Lacins Beine noch ziemlich weit auseinander, einfach, um besseren Halt zu haben.

"Die Leute verstehen nicht: Es reicht nicht, die Prothese anzuziehen, loszulaufen, und ich bin schneller", sagt PSC-Präsident Ralf Otto. Die Diskussion um Markus Rehm ärgert ihn, er ist nicht richtig glücklich über die plötzliche öffentliche Aufmerksamkeit. "Sie reduziert sich nur auf Markus Rehm und auf die Frage, ob er einen Vorteil hat." Und dann hält er eine Karbon-Prothese hin, die Feder, auf der ein Mann wie Rehm läuft. "Und – versuchen Sie mal. Federt da was?"

Nein, überhaupt nicht. Egal wie man drückt, die Prothese ist ein unnachgiebiges Stück Karbon. Mit einer Sprungfeder hat das nichts zu tun. Ein Wunder, wie man darauf laufen soll. Ralf Otto nimmt die staunende Reaktion zufrieden zur Kenntnis. Wieder hat jemand begriffen, wie herausfordernd eine Sportprothese ist.

Sein Professor, bei dem er in Köln promoviert hat, Gert-Peter Brüggemann, hat damals in einem Gutachten Oscar Pistorius das Startrecht bei normalen Olympiaden abgesprochen. Aber Ralf Otto sieht die Dinge anders als sein ehemaliger Professor. Die Nachteile einer Prothese flössen in solche Gutachten oft nicht ein. So könnten Menschen mit Prothesen – auch Markus Rehm – schlechter starten oder anlaufen. Kurze Distanzen seien ein Problem, es fehle einfach der Anschub aus dem Startblock.

200 Meter, 400 Meter, 800 Meter, das sind ideale Prothesen-Distanzen. Denn auf die Strecke gesehen kann sich die Prothese doch positiv auswirken, man springt dann quasi von Schritt zu Schritt. Ein faires Gutachten, sagt Ralf Otto, würde diese Vor- und Nachteile stärker abwägen. Konkret heißt das, ein Weitspringer wie Markus Rehm läuft aufgrund seiner Amputation langsamer an, springt aber trotzdem weiter als die anderen. Das ist der Knackpunkt.

Und was sagt ein Profi-Trainer wie Bernd Scheermesser zu einem wie Rehm? Er hat doch selbst Weitspringer trainiert. "Er ist ein Ausnahmetalent", sagt Scheermesser bestimmt. Das sei einfach so. Markus Rehm habe ein unglaublich gutes Rhythmusgefühl, um Prothese, Lauf und Absprung in Einklang zu bringen. Es gab immer wieder Weitspringer, die langsamer anliefen und trotzdem weiter sprangen als andere. Spitzensport ist viel, viel Training – aber wer ganz oben ankommen will, braucht das gewisse Etwas. Ein wenig mehr Talent, ein wenig mehr Biss, ein bisschen besseres Timing. Ob Rehm zur EM hätte fahren sollen? Scheermesser will sich zu solchen Sachen nicht äußern. Das ist Verbandspolitik. Aber eines ist klar – er respektiert Rehm als Spitzensportler. Und das ist bei einem Trainer wie ihm eine Menge.

Ali Lacin hat sich in den Schatten zurückgezogen. Es ist ein letzter sonnig-warmer Augusttag. Im Sportforum ist viel los, überall Trainingsgruppen. Auf dem Rasen üben die Kugelstoßer, eine Kindergruppe rennt, auch die Sandgrube der Weitspringer wird benutzt. Ali Lacin ist eine Ausnahmeerscheinung. Der gut trainierte Oberkörper, die Beinstümpfe und dann die futuristisch aussehenden Prothesen. Er wirkt wie ein ganz eigenes Wesen – und wenn er in seinem Rhythmus ist, sieht sein Lauf schön aus. Gazellenhaft.

Eine Sportprothese ist so etwas wie eine nackte Alltagsprothese. Alltagsprothesen sind nachgeformte Beine, Unterschenkel, Füße. Es gibt sie für Frauen mit Absätzen oder in verschiedenen Hauttönen – eine kosmetische Hülle verdeckt die eigentliche Prothese, das sieht weniger erschreckend aus. Bei einer Frau wie Heather Mills, der Ex-Ehefrau von Paul McCartney, bemerkte man die Prothesen kaum, wenn sie Kleider und Röcke trug. Aber im Sport ist Gewicht alles – und die ganze Kosmetik wiegt eben und jedes Gramm mehr kostet mehr Kraft. Deshalb sind Sportprothesen total reduziert.

Am Anfang sei es für ihn ungewöhnlich gewesen, sich mit solchen Prothesen öffentlich zu zeigen, sagt Ali Lacin, inzwischen sieht er es gelassen. Der Sport gibt ihm so viel zurück, "viel Selbstbewusstsein". Er weiß auch, dass er geduldiger sein muss. Er möchte loslaufen, schneller als alle anderen sein. Aber das braucht Zeit. Wird er den Leistungssport durchhalten? Jeden Tag Training, und das neben der Arbeit.

Zusammen mit seinem Bruder hat er sich in Wedding selbstständig gemacht, ein Süßigkeiten-Großhandel. Er verkauft als Zwischenhändler die Ware an Bäckereien und Kioske. Alles halal, dem religiösen Reinheitsgesetz entsprechend, da ist er ganz Moslem. Keine Gelatine-Produkte, denn da ist Schwein drin, aber sonst alles: Mars, Twix, Kitkat, auch selbst erdachte Süßigkeiten. 26 Jahre, Geschäftsmann, gut aussehend, unverheiratet. Da könnte man auch andere Ideen für die wenige Freizeit haben. Aber Ali Lacin hat sich entschlossen, er will die 200-Meter-Norm für den deutschen Nationalkader schaffen, um zu den Paralympics mitzufahren.

"Ich bin ein Mensch, der will alles erreichen", sagt er. Das klingt schon mal gut. Auch wenn sein Trainer Bernd Scheermesser ihn vermutlich gleich bremsen würde. Er stoppt auch nicht oft die Zeiten. Erst muss die Technik stimmen, dann kommt die Uhr.

Ali Lacin, sagt Ralf Otto, hat gute Chancen. Er ist überzeugt von ihm. Als studierter Biomechaniker hat er einen Blick für körperliches Potenzial. Behinderung, sagt Otto, führe immer zu Asymmetrien, das sei ein Riesenproblem im Behindertenspitzensport. Diese durch die Behinderung bedingte Unwucht kann man nur mit viel Kraftsport und Gymnastik ausgleichen, dafür ist Otto selbst zuständig. "Ich bin kein netter Trainer", sagt er und muss grinsen. Früher war er selbst im Leistungssport, als Leichtathlet. Diskus- und Speerwerfen. Aber irgendwann reichte es nicht mehr. Nun setzt er seine Athleten auf Gymnastikbälle, damit sie ihre Balance finden. Der Sport tut seinen Schützlingen schon insofern gut, als ihr Körper harmonischer wird, die eckigen Asymmetrien verliert. "Die schnellen Erfolge interessieren mich nicht", sagt Otto.

Wie ist es denn nun – hat sich bei den Prothesen etwas revolutionär verändert? Findet eine Art Aufrüstung per Prothese statt? Otto schüttelt den Kopf. Seit zwanzig Jahren sei die Sportprothese ziemlich gleich geblieben. Das Material Karbon kam, wie das Teflon, aus der Weltraumforschung. Man suchte ein besonders stabiles Plastik, um die Kameras außen an den Raketen anbringen zu können. Die Prothesenhersteller haben sich einfach bedient.

Was sich verändert hat, ist die Art des Trainings. Der Behindertenspitzensport ist viel professioneller geworden, er arbeitet inzwischen mit Trainern, die ihr Handwerk verstehen. Es bleibt dabei: Jemand wie Markus Rehm, der heute in Berlin springt, ist ein Ausnahmetalent, der im Behindertenspitzensport immer ganz vorn sein wird, aber auch außerhalb gut mithalten kann. Ausnahmetalente sollte man würdigen. Von Sportler zu Sportler.

© Berliner Morgenpost 2014 - Fotos: Jörg Krauthöfer - Alle Rechte vorbehalten

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